Die verfluchte Macht der Rating-Sterne

Wehe, wenn die Touris einfallen: Kult-Kneipe "Zum Silbersack" auf Sankt Pauli
Wehe, wenn die Touris einfallen: Kult-Kneipe „Zum Silbersack“ auf Sankt Pauli

Das Schreiben von Kundenbewertungen ist für mich eine Zwickmühle.

Eigentlich sind Rezensionen von Usern ja eine tolle Sache. Bei ziemlich allem, was ich kaufe, nutze oder empfehle, orientiere ich mich an Kundenbewertungen.

Gefühlt habe ich sie erstmals bei Amazon wahrgenommen, als es dort noch vor allem Bücher gab. Bei Ebay wurden dann nicht Waren, sondern Menschen bewertet, als Käufer und Verkäufer: Das beeinflusst, ob ich bei einer Auktion kurz vor Schluss doch noch mal 10 Euro mehr investiere: „Bei dem wird die Ware schon gut sein.“

Vertrauen ist eines der wichtigsten Güter im Web, wo man oft am Bildschirm halb blinde Entscheidungen trifft, weil man den Handelspartner nie gesprochen und die Ware nie angefasst hat. Hier sind Kundenbewertungen die kollektive Vertrauensbildung. Andererseits gehen auch große Kollektive zu McDonald’s.

Eine gute Bewertung ersetzt die Werbung

Kaum etwas, das nicht bewertet wird. Hotels, Mitfahrer, Wanderrouten und Sprudelsorten. Ich habe auf diese Weise schon viele Lieblingsrestaurants erkundet. Im Web ist derzeit die mächtigste Plattform dafür die Seite Tripadvisor.com. Das Online-Pendant zum gedruckten Reiseführer Lonely Planet.

Mit denselben Auswirkungen: Ist hier ein Laden gut bewertet, kann der Besitzer alle Werbemaßnahmen einstellen – sein Laden wird immer voll sein. Die Touristen wollen schließlich auf ihrer kurzen Berlintour nur erwiesenermaßen großartige Dinge erleben. Also klicken sie sich durch Top-10-Listen oder die Google-Karte und suchen nach Five-Star-Ratings. So locken die Sterne Gastronomie-Touris wie der Mist die Fliegen.

Genau das ist nun meine Zwickmühle. Natürlich profitiere ich selber von den Tipps, und ich freue mich, wenn es meinem Lieblingscafé gut geht. Also sollte ich eigentlich auch eine gute Bewertung schreiben. Aber: Will ich, dass die Ratinghorden kommen? Und das Flair meines Kleinods zerstören? Soll ich also eine schlechte Bewertung schreiben?

Und wenn ich schuld bin an einem neuen Hype?

Gibt es bereits viele Rezensionen, könnte ich den Ratingdurchschnitt auf abgehyptes Niveau regulieren. Aber was, wenn es bisher gar keine Kundenbewertung gibt? Auf jeden Fall dann schreiben, das ist wichtig für den Erfolg des Cafés.

Doch mit dieser Bewertung lade ich unfassbare Verantwortung auf mich: Zu schlecht, gefährde ich den Fortbestand; zu gut, könnte es der Anfang eines Hypes sein. Oder die Lösung liegt am anderen Ende: Ich bewerte hier nebenher einfach meine Zweite-Wahl-Restaurants mit fünf Sternen. Und lenke die Touris so von meinen wirklichen Schätzen ab.

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